



Die paradiesischen Inseln im Osten Indonesiens
Wer von Europa aus anreist und 15 Flugstunden hinter sich hat, den überrascht zunächst die durchaus erträgliche Variante tropischer Hitze und ein süßlicher Blütenduft - beides wird Sie begleiten, bis Sie Bali wieder verlassen.
Die Schönheit der Insel lässt niemanden unberührt. Immer wieder zwar wird Bali nachgesagt, es verlöre seinen faszinierenden Charme, aber ebenso regelmäßig kehren die Besucher zurück, denn unter allen Reisezielen dieser Welt gibt es offenbar nichts Vergleichbares.
Im riesigen Inselreich Indonesien nimmt Bali eine Sonderstellung ein: In der letzten hinduistischen Enklave des islamisch geprägten Archipels scheinen die Bewohner alle Kräfte aufzubieten, um ihre Kultur am Leben zu halten. Auf Schritt und Tritt begegnen Ihnen festlich gekleidete Balinesen, die ihre religiösen Zeremonien selbst im dichten Verkehrsgewühl vollziehen; vor jedem noch so kleinen Haus finden sich Opferschalen mit Reis, Blüten und Räucherstäbchen. Das melodische Kling-Klong der typischen Bambusinstrumente und die Gamelan-Musik scheinen bis in den letzten Winkel der Insel zu dringen.

Neben seiner kulturellen Eigenart hält Bali auf knapp 5600 km² sämtliche Zutaten für ein landschaftliches Paradies bereit: kilometerlange Strände, Vulkanriesen, Seen, Flüsse, tiefe Schluchten und sanfte Hügellandschaften kontrastieren auf atemberaubende Weise. Balis Reisterrassen zählen zu den schönsten der Welt, und dass die Balinesen ein nicht nur praktisches, sondern durchaus auch künstlerisches Verhältnis zur Natur pflegen, zeigt die reich blühende Vegetation.

Gegliedert wird die Insel durch eine Gebirgskette, die in West-Ost-Richtung verläuft. Im Norden dominieren schroffe, eher karge Landschaften, zerschnitten von Schluchten und Bächen. Direkt von der lavageschwärzten Küste geht es hinauf auf 1000, ja bis auf 3000 m hohe Vulkane. Der Gunung Agung, mit 3142 m der höchste Berg Balis, gilt als heiliger Sitz der Götter. Zum Süden hin ist der Übergang vom Hochgebirge zu ausgedehnten weißen Stränden sehr viel sanfter. Die Straßen führen durch liebliche und fruchtbare Landstriche, an jeder Kurve bieten sich grandiose Ausblicke. Auf der Straße spielen Kinder, Männer fachsimpeln über die Qualität ihrer Kampfhähne, Frauen balancieren Lasten auf ihren Köpfen und demonstrieren die sprichwörtliche Grazie der Balinesinnen.

Der Tourismus hat Bali verändert. Aber in Kuta, dem touristischen Zentrum, wo im Oktober 2002 ein Sprengsatz vor zwei Diskotheken explodierte, orientieren die Balinesen ihr Leben stärker als je zuvor an alten Werten. Heutzutage rasen zwar junge Leute, gekleidet in den sarong, den bunten, um die Hüfte geschlungenen Rock, auf Motorrädern zu den Zeremonien - doch sie alle sind vertraut mit den überlieferten Ritualen und bringen den Göttern Opfergaben dar. In den großen Hotels können Frühaufsteher beobachten, wie ernst die Balinesen ihre heilige Pflicht nehmen, wenn kunstvoll geflochtene Körbchen mit Opfergaben auf dem Terrain verteilt werden. Die Verbindung von Architektur und Natur vermittelt eine Atmosphäre von Ruhe und Gelassenheit. Das wirkt auch auf die Menschen. Balinesen gehen nicht, sie schreiten - und sie lächeln. Überall auf der Insel kann man erproben, wie sehr ein Lächeln hilft, wenn die Sprache versagt.
Die ersten Fremden allerdings, die nach Bali kamen, hatten kaum Augen für die kulturellen Eigenarten der Insel: 1596 gingen Holländer an Land. Sie kamen als Gäste und wurden auch als solche empfangen. Genau 250 Jahre später kamen sie zurück, diesmal mit Waffen. Trotz einer verheerenden Niederlage lieferten sich die Balinesen immer wieder grausame Schlachten mit den Kolonialherren. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Holländer von den Japanern als Besatzer abgelöst, eine kurze Interimsphase, die 1945 mit der Ausrufung der »Unabhängigen Republik Indonesien« endete. Unter Indonesiens erstem Präsidenten Sukarno begann ein kompliziertes Unternehmen: Das Inselreich mit über 300 verschiedenen Kulturen und Sprachen sollte unter einer Flagge zusammengebracht werden. Der Aufbruch und die Suche nach einer neuen Identität endeten zwei Jahrzehnte später. 1965 löste die Ermordung von sechs als Kommunistengegnern bekannten Armeeoffizieren eine Kommunistenverfolgung aus, der fast eine Million Menschen zum Opfer fielen. Sukarno wurde 1966 von Präsident Suharto abgelöst, der in den folgenden Jahrzehnten die Politik einer Javanisierung betrieb. Suharto war 1998 zum Rücktritt gezwungen, nachdem Studentenkundgebungen zur landesweiten Protestwelle gegen den antidemokratischen Regierungsstil angewachsen waren. Der indonesische Archipel erlebte einen aufwühlenden Wechsel von der Diktatur zur Demokratie. Lokale Unruhen und wirtschaftliche Probleme ließen das Land nicht zur Ruhe kommen. Seither bemühten sich verschiedene glücklose Regierungschefs, das größte Land Südostasiens (230 Mio. Einwohner) in die Normalität zu führen. Seit Oktober 2004 regiert Susilo Bambang Yudhoyono als erster direkt gewählter Präsident, er gilt als westlich orientiert.

Weder die politischen Krisen noch die Zerstörungen des Tsunami vom Dezember 2004, der Küstenregionen Indonesiens beschädigte, sind spurlos an Bali vorübergezogen. Die Insel registrierte einen deutlichen Rückgang des Tourismus.
Lombok, Balis kleine Schwester, machte über weite Strecken eine ähnliche Entwicklung durch und kämpft heute mit ähnlichen Problemen. Erst vor rund 20 Jahren entdeckten Touristen die kleine Insel als Alternative zum mittlerweile »überlaufenen« Bali: Man nahm in Kauf, dass Natur und Kultur hier bei weitem nicht so schwelgerisch auftreten, und schätzte die Einsamkeit und das Gefühl, an einem Ort zu sein, wo noch Robinsonaden möglich sind. Die Insel wird beherrscht vom Vulkanmassiv Gunung Rinjani (3726 m), das mehr als die Hälfte der Insel einnimmt. Im Norden, Osten und Westen reichen die Hänge bis fast an die Küste, hier bestimmen Wald und Savanne das Landschaftsbild. Der fruchtbare Süden und Südwesten erinnern noch am ehesten an Bali. Bis in die jüngste Zeit lebten die Menschen auf Lombok relativ isoliert voneinander. Noch heute trifft man ältere von ihnen, die der Begegnung mit Fremden eher hilflos gegenüberstehen. Einsame, weißsandige Strände finden sich noch häufig. Im Nordwesten, an der Küste um Senggigi und auf den vorgelagerten Gilis, den kleinen Inseln mit ihren herrlichen Korallenriffen, ist der Tourismus bereits etabliert. Lohnend ist allerdings auch ein Aufenthalt im schönen Hochland am Fuße des Gunung Rinjani, wo Sie einen Aufstieg auf den Vulkan planen können: eine der größten Attraktionen Lomboks, besonders für alle, die die Wanderung bei Nacht beginnen, um den Sonnenaufgang zu erleben. Den - wie Mahatma Gandhi es ausdrückte - »Morgen der Welt« findet man eben nicht nur auf Bali, sondern auch auf der kleinen Nachbarinsel.
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