



Auf der Chalkidikí fühlen sich völlig unterschiedliche Menschen dem Paradies nah. Die einen leben in Klöstern und entsagen der Welt; die anderen genießen sie an sonnigen Stränden, die für sie fast schon der Himmel auf Erden sind.
Keine andere Region auf dem griechischen Festland wird von so vielen ausländischen Badeurlaubern besucht wie die Chalkidikí. Das ist verständlich, denn nirgends sonst reihen sich schöne Sandstrände so dicht aneinander wie hier, nirgends ist die Auswahl zwischen ganz unterschiedlichen Buchten und Bademöglichkeiten so groß. Wer Einsamkeit sucht, sieht seinen Wunsch ebenso erfüllt wie der, der Trubel mag oder Wassersport treiben möchte. Zugleich ist die Chalkidikí auch eine der grünsten und waldreichsten Landschaften in Hellas.

Die Chalkidikí ist durch gut ausgebaute Straßen bestens erschlossen. Hotels gibt es in allen Kategorien und Preislagen, darunter auch mehrere der Luxusklasse, die im übrigen Griechenland selten sind. Auch Zeltplätze sind zahlreich. Und eine gut funktionierende Hoteliersvereinigung bemüht sich um große Kinderfreundlichkeit, um gut markierte Wanderwegen und um originelle Sonderangebote, die eine Reise auf die Chalkidikí noch attraktiver machen.

Die Chalkidikí mit ihren charakteristischen drei »Fingern« - den Halbinseln Kassándra, Sithonía und Áthos - ist einer von 51 griechischen Regierungsbezirken (nomoi). Sie gehört zur Provinz Zentral-Makedonien. Hauptstadt dieser Provinz ist die Millionenstadt Thessaloníki. Hauptstadt des Regierungsbezirks Chalkidikí ist die Kleinstadt Polígiros. Sie liegt zentral im Binnenland an einem Ausläufer des 1165 m hohen Cholómon.
Mit 2033 m weitaus höher ist der Berg Áthos an der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel. Die Griechen nennen sie meist Agíon Óros (Ajíon Óros), heiliger Berg; denn sie ist schon seit über 1000 Jahren eine Mönchsrepublik, die in inneren Angelegenheiten weit gehend unabhängig von der griechischen Regierung ist. Heute leben dort noch in 20 Klöstern und anderen monastischen Siedlungen über 2300 Mönche. Für den Besuch, benötigt man ein spezielles Visum, das nur Männern erteilt wird. Pro Tag dürfen maximal fünfzehn Ausländer einreisen und höchstens für drei Nächte bleiben.

Solche Beschränkungen kennt man auf den beiden anderen Fingern der Chalkidikí natürlich nicht. Die Bewohner der Halbinseln Kassándra und Sithonía leben vorwiegend vom Fremdenverkehr; all ihre Küstenorte sind bedeutende Urlaubszentren. Weitere Einnahmequellen sind Fischerei und Bienenzucht. Auf der Kassándra wird viel Weizen angebaut, in manchen Teilen auf der Sithonía Wein. Viehzucht wird vor allem auf der Sithonía und in den Bergen des Binnenlands betrieben, wo auch die Forstwirtschaft eine bedeutende Rolle spielt. Industriebetriebe gibt es auf der Chalkidikí nicht. Ganz unzerstört ist die Natur dennoch nicht überall: An einigen Stellen wird im Binnenland Magnesit abgebaut, sodass die Landschaft dort weißen Wüsten gleicht.
Der Name der Chalkidikí leitet sich von der Stadt Chalkída (auch: Chálkis) auf der großen Insel Euböa ab. Vor allem Menschen aus dieser antiken Stadt waren es, die im 8. und 7. Jh. v. Chr. ihre Heimat verließen und auf der Chalkidikí neue Siedlungen gründeten. Weitere Siedler kamen aus Chalkídas Nachbarstadt Erétria, aus Athen und Korinth sowie von der Insel Ándros.
Die neuen Siedlungen waren voneinander unabhängige Stadtstaaten, die sich jedoch gegen Ende des 5. Jhs. v. Chr. im Chalkidischen Bund zusammenschlossen, um sich wirtschaftlich und militärisch besser behaupten zu können. Trotzdem erlagen sie Mitte des 4. Jhs. dem übermächtigen Nachbarn Makedonien, dessen König Philipp II. wenige Jahre später auch alle übrigen griechischen Städte um ihre Freiheit brachte und so erstmals ein geeintes Griechenland schuf.

Zum modernen Griechenland der Neuzeit gehört die Chalkidikí erst wieder seit 1912. Über 450 Jahre lang stand sie wie viele andere Regionen von Hellas unter türkischer Fremdherrschaft. Der griechische Freiheitskampf begann zwar schon 1821 auf dem Peloponnes, er führte auch zu Aufständen auf der Chalkidikí und endete 1828 mit einem griechischen Sieg; Nordgriechenland und viele Inseln aber blieben weitere Jahrzehnte unter fremder Herrschaft.
In türkisch-osmanischer Zeit gab es auf der Chalkidikí nur noch wenige Bauerndörfer. Die Ländereien gehörten entweder türkischen Gutsherren oder den Áthos-Klöstern. Das erste von ihnen war bereits 963 gegründet worden, bald folgten weitere. Unter den vielen Mönchen waren häufig wohlhabende Edelleute, die der Welt entsagten und ihren Besitz ihrem Kloster überließen. Auch weltliche Fürsten wollten sich mit großzügigen Schenkungen des öfteren den späteren Eintritt ins Paradies erleichtern. So waren die Klöster in über neun Jahrhunderten zu einem der größten Landbesitzer Griechenlands geworden. Auf ihrem Besitz errichteten sie meist massive Wehrtürme. Mehrere von ihnen stehen noch heute und zählen zu den wenigen historischen Sehenswürdigkeiten der Chalkidikí. Viele Sakralbauten entstanden aber erst im 18. oder 19. Jh. Damals entwickelten sich aus den winzigen Siedlungen, die um die Wehrtürme auf den Gütern der Áthos-Klöster bestanden, wieder neue Dörfer.
Aus der Antike ist insgesamt nur sehr wenig erhalten; Ausgrabungen von überregionalem Rang sind die von Ólinthos und Olimbiáda. Das einzige nennenswerte Museum der Region, das Archäologische Museum in Polígiros, ist provinziell.
Ihr heutiges Gesicht entwickelte die Chalkidikí im Wesentlichen erst nach 1922. Damals endete ein griechischer Versuch, Teile der kleinasiatischen Türkei militärisch zu erobern, mit einem Fiasko. Hunderttausende kleinasiatische Griechen wurden von den unter Kemal Atatürk siegreichen Türken ums Leben gebracht. In einem Friedensvertrag vereinbarte man einen Bevölkerungsaustausch. Die meisten der noch in Griechenland ansässigen Türken mussten in die Türkei übersiedeln, fast alle dort lebenden Griechen in Hellas eine neue Heimat suchen. Die Chalkidikí war ideal für die Neuansiedlung der Vertriebenen. Die ehemals türkischen Güter lagen brach; die den Klöstern gehörenden Ländereien außerhalb der Mönchsrepublik konnten ohne größere Schwierigkeiten enteignet werden. So entstanden auf der Chalkidikí 27 große neue Dörfer. Die meisten von ihnen sind noch heute leicht zu identifizieren: Ihr Name setzt sich aus dem Wörtchen Néa oder Néos (d. h. neu) und dem Namen ihrer in Kleinasien liegenden Heimatstadt oder -region zusammen: Néos Marmarás zum Beispiel oder Néa Fókea. Viele ihrer Bewohner bezeichnen sich noch heute als pónti, also als Schwarzmeer-Griechen, und pflegen ihr Brauchtum.
Seit einigen Jahren wird die Chalkidikí von einer neuen Siedlungswelle erfasst: Tausende von Bewohnern Thessaloníkis kaufen Sommerhäuser und Apartments vor allem in den Küstenorten der Kassándra und an der Westküste der Sithonía-Halbinsel. Aus noch vor zehn Jahren völlig verträumten Fischerdörfern sind große Ansiedlungen geworden. Bebauungs- oder gar Flächennutzungspläne gibt es bisher nicht, nur wenige Bauvorschriften sind zu beachten. Umweltbewusstsein ist keine Stärke der Griechen.
Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden viele Hoteliers. Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Fast alle größeren Hotels besitzen eigene biologische Kläranlagen und erwärmen ihr Wasser mit Sonnenenergie. Nirgends in Griechenland werden so viele Strände regelmäßig gereinigt wie hier; nirgends gibt es auf 500 km Küstenlänge so viele Abschnitte, die mit der Blauen Flagge des Europarats ausgezeichnet worden sind.
Einem ungetrübten Badeurlaub steht also nichts im Wege. Und für die, die mehr sehen möchten, gibt es interessante Ziele für Tagesausflüge: Thessaloníki, Dío, Vérgina und die Metéora-Klöster.
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