Urlaub auf Gran Canaria

Entdecken Sie Gran Canaria!

Quelle: Text Marco Polo

Dünen, Strände, Fischerorte; Höhlendörfer, Berggrate, enge Täler - so abwechslungsreich ist diese Insel

Jeden Morgen das gleiche Bild: Männer machen sich mit Macheten zwischen Bananenstauden zu schaffen. Tomatenpflücker ernten duftende Früchte. Fischer tuckern in ihren Booten hinaus aufs Meer. Esel ziehen Pflüge durch Terrassenfelder in den Bergen. In den Straßen von Las Palmas staut sich der Verkehr - Gran Canaria beginnt den Tag.

Oft fällt es schwer, in der Sonneninsel, die nur 150 km von Afrikas Küste entfernt liegt und von der es schon zu Homers Zeiten hieß, dort herrsche der »ewige Frühling«, eines der größten Touristenziele Europas zu erkennen. Ungeachtet der gut 3 Mio. Urlauber, die hier Jahr für Jahr Wärme und Erholung suchen, hat Gran Canaria nämlich seinen ländlichen, mediterranen Charme bewahrt. Ob San Nicolás im Westen oder Agüimes im Osten - in den meisten Orten folgt der Alltag einem gemächlichen Rhythmus. Eng scharen sich im Ortskern die Häuser um die Dorfkirche, die wie ein Hirte aus der Menge der quadratischen Flachbauten herausragt. Davor die schattige Plaza als Spielplatz für Kinder und Treffpunkt der Alten, die, in traditionelles Schwarz gekleidet, über den Lauf der Dinge räsonieren.

Doch natürlich ist auch auf Gran Canaria die Zeit nicht stehen geblieben. Dörfer verwaisen. Neubausiedlungen locken mit mehr Platz und Abwechslung. Musste man sich früher in Stunden- oder Tagesmärschen nach Las Palmas aufmachen, führen heute gut ausgebaute Straßen dorthin. Selbst wer hoch in den Bergen wohnt, ist nun in weniger als einer Stunde in Gran Canarias Halbmillionenkapitale, in der es ebenso südländisch hektisch zugeht wie beispielsweise in Sevilla oder Málaga.

Kaum noch etwas erinnert in Las Palmas an den Ort, den der spanische conquistador Juan Rejón 1478 vorfand, als er am 24. Juni mit 600 Getreuen an Land ging, um die mit 1532 km² nach Teneriffa und Fuerteventura drittgrößte Kanareninsel für die kastilische Krone zu erobern. Weite Strände säumten den Nordosten der Insel. Ein munterer Fluss strömte der Küste entgegen. Fünf Jahre lang wehrten sich die Altkanarier gegen die Eroberung. Dann setzten sich die Europäer mit Hilfe ihrer modernen Waffen durch. Doch in den folgenden Jahrhunderten blieben die Veränderungen weit gehend auf Las Palmas und dessen Umgebung beschränkt. Man erlebte Boom und Niedergang des Zuckerrohranbaus. Der Schiffshandel zwischen Europa und Amerika bescherte der Stadt Wohlstand, aber auch Piratenüberfälle auf den prosperierenden Hafen. Gran Canaria war Las Palmas. Der Rest verharrte in bitterer Armut.

Erst der Tourismus half Gran Canaria endgültig auf die Beine. Seit Anfang der 1960er-Jahre im Süden eines der größten Ferienzentren Europas entstand, gab es eine rasante Entwicklung. Mehr als 100 000 Gästebetten entstanden zwischen San Agustín und Puerto de Mogán, ein Ende ist nicht in Sicht. Zu herrlich sind Strände und Dünenlandschaft, zu beständig das gute Wetter, zu ideal die Lage zwischen Meer und Bergen.

Wie mit einem Katapult ins 20. Jh. geschossen, taten sich viele canarios schwer, dies alles zu verdauen. Und die Probleme halten an. Vor allem junge Leute verführt der Alltag der Touristen - stets gut drauf und mit Geld in der Tasche - heute mehr denn je dazu, es ihnen so schnell wie möglich gleichtun zu wollen. So ziehen sie schnelle Jobs einer guten Ausbildung vor, landen aber auch ebenso rasch als Arbeitslose wieder auf der Straße.

Viele Besucher sind nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen Gando geschockt von der Kargheit des Inselsüdens. Eintönige Siedlungen, verfallene Plantagen, staubige Luft über Geröllhalden - auf der Fahrt nach Playa del Inglés sieht man, was es bedeutet, 350 Tage im Jahr brennender Sonne ausgesetzt zu sein. Nur einheimische Flora trotzt dieser Dürre noch Leben ab: Cardón (Säuleneuphorbien), Retama, Tabaiba oder Tajinaste - dickblättrige, buschige Gewächse, die lange Zeit Wasser speichern können - haben sich an eine Existenz in diesen Trockenzonen angepasst. In den Ferienorten nimmt dann Blütenzauber, der nur dank aufwändiger Bewässerung existiert, die Ankömmlinge gefangen. Viele verlassen diesen lieblichen Teil der Insel während ihres Urlaubs nie.

Schade, denn Gran Canaria ist sehr vielfältig. Nahezu kreisförmig und vulkanischen Ursprungs, wird das Eiland genau in der Mitte vom 1949 m hohen Pico de las Nieves überragt, dem höchsten Punkt der cumbre, der zentralen Gebirgsregion. Von hier aus führen barrancos - Erosionstäler - sternförmig zu den Küsten. Calderas - kesselförmige Krater - erinnern an die vulkanaktive Zeit. Stauseen im Hochland sind für die Trinkwasserversorgung von großer Bedeutung. Rasch wechselt mit zunehmender Höhe die Vegetation. Kakteen, Orangen- und Bananenplantagen weichen Maulbeer- und Feigenbäumen. Im Frühjahr taucht blühender Ginster die Berge in leuchtendes Gelb. Und schon ab Mitte Januar umgibt die Mandelblüte manche Dörfer mit einem weißen Blütenmeer.

Einst waren weite Teile der Insel mit Kanarischer Pinie bedeckt. Lorbeerwälder entzogen den Passatwolken Feuchtigkeit, die zu Boden tropfte und die Insel grün und fruchtbar machte. Es gab eine einzigartige Vegetation, die außerhalb der Makronesischen Inselwelt (Kanaren, Kapverden, Madeira, Azoren) schon vor 20 Mio. Jahren ausstarb. Erst der Kahlschlag der Spanier, die Holz für den Schiffbau brauchten, und später die Monokulturen der Pflanzer schädigten das fragile Ökosystem schwer. Inzwischen stehen gut 40 Prozent der Insel unter Naturschutz, Meerwasserentsalzungsanlagen und Recycling helfen, den enorm gestiegenen Wasserbedarf zu decken.

Wer sich auf sie einlässt, kann die Vielfalt der Insel in vollen Zügen genießen. Beispielsweise auf dem Dach Gran Canarias, dem Pico de las Nieves. Bei der militärischen Horchstation Los Pechos, deren weiße Radarkuppeln kilometerweit zu sehen sind, liegen die tollsten Aussichtspunkte. Weite Wälder überziehen die tiefer gelegenen Berghänge im Norden. Teneriffas Teide, Spaniens höchster Berg, scheint zum Greifen nah. Oft stauen sich Passatwolken an der Cumbre und liegen wie ein dicker Teppich zwischen den beiden Inseln. Da sie selten höher als 1700 m steigen, bleibt der Süden Gran Canarias ohne Regen, der Norden dagegen ist dank der Niederschläge grün.

Einheimische Tiere gibt es nicht viele. Eidechsen rascheln durchs Gestrüpp, Tauben und einige Raubvögel bevölkern die Lüfte. Der Kanarienvogel, bei uns ein farbenprächtiger Sänger, fliegt in seiner Urform als unscheinbarer gelbgrüner Girlitz durch die Wälder. Artenreicher ist das Meer. Beim Schnorcheln am Strand können Sie viele kleine Fische entdecken. Mantarochen sonnen sich im Flachwasser der Buchten; in den bis zu 3000 m tiefen Gräben zwischen den Inseln tummeln sich Haie, Delphine und Grindwale.

Die Canarios haben sich anfangs schwer mit Europa, ja sogar mit Spanien getan. Noch in den 70er-Jahren gab es separatistische Bewegungen. Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Gelder aus Brüssel haben in den Dörfern neue Jobs geschaffen und Höhlenwohnungen vor dem Verfall gerettet.

Las Palmas' Altstadt Vegueta, die älteste Kolonialstadt Spaniens, unterstreicht mit massiven Bauten auch optisch den Machtanspruch der Eroberer des 15. und 16. Jhs. Artenara ist ein erstklassig erhaltener Höhlenort. Größ-te Augenweide ist jedoch Teror. Das Ensemble aus antiker Basilika, natursteingepflasterten Straßen und Hausfassaden mit herrlichen Holzbalkonen ist vollständig erhalten und gilt als bestes Beispiel kanarischer Baukunst.

Auf einer kleinen Plaza unweit der Basilika steht ein Exemplar der geheimnisvollsten kanarischen Pflanze. Der Drachenbaum drago ist noch heute das Wahrzeichen der Insel. Den Altkanariern galt er als heilig. Sein »Drachenblut« - das Harz färbt sich an der Luft dunkelrot - wurde seit grauer Vorzeit bei der Zubereitung von Heiltränken und Salben verwendet.

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