



Der venezianisch beeinflussten Insel kommt eine Mittlerrolle zwischen Abend- und Morgenland zu
Korfu ist die grünste Insel Griechenlands. Wie ein dicht gewobener Teppich überziehen 3 Mio. uralte, knorrige Olivenbäume mit ihrem im Sonnenlicht silbrig grün glänzenden Blattwerk die Täler, Hügel und Berge auf der 592 km² großen Insel. Anderswo mag man von Hainen sprechen; hier auf Korfu bilden die Ölbäume schattige Wälder. Immer wieder ragen zwischen ihnen schlanke Zypressen wie dunkelgrüne Nadeln heraus und geben der Szenerie mediterrane Heiterkeit. Die Olivenwälder bilden auch das ökonomische Rückgrat der Insel. Öl ist das bedeutendste landwirtschaftliche Produkt Korfus.

Für vielfältige Farbtupfer im alles beherrschenden Grün sorgen vor allem im späten Winter und Frühjahr zahllose Blüten. Im Februar und März säumen Hunderttausende von weißen Gänseblümchen die Wege. Im Mai färbt Ginster die Hänge in höheren Lagen gelb. Den ganzen Sommer über blühen Oleander, Hibiskus und Bougainvillea.

Korfu bietet wunderbare Ausblicke. Immer wieder winden sich Straßen und Pfade Hänge hinauf zu stillen Dörfern oder bis zum Gipfel eines Berges. Alle paar Minuten eröffnen sich neue Panoramen - und oft genug laden an den schönsten Aussichtspunkten Cafés und Tavernen zur Rast oder Hotels und Pensionen zum Übernachten ein.
Korfus Küsten sind an Vielfalt kaum zu überbieten. Kilometerlange, breite Sandstrände säumen die Nord- und Westseite der Insel. Vor allem an der Westküste gibt es aber auch eine Reihe kleiner Sandstrände, die entweder von hohen Steilufern begrenzt werden oder direkt unter 100 m hohen Kliffen verlaufen. Manche Strände sind durch Hotels, Restaurants, Wassersportstationen und Sonnenschirmverleiher touristisch voll erschlossen, andere liegen noch immer recht einsam da. Die Ostküste der Insel, an der die meisten großen Hotels stehen, besitzt die wenigsten und noch dazu die schmalsten Strände. Als diese Hotels entstanden, hat man der besseren Erschließung wegen gern stadtnah gebaut, zumal es in den 1970- und frühen 80-Jahren viele heute asphaltierte Straßen noch nicht gab. So behelfen sich Hoteliers und Gäste häufig mit Pools und Liegewiesen.

Dem touristischen Erfolg der Insel tut das keinen Abbruch. Nach Kreta und Rhodos ist Korfu die griechische Insel mit den meisten ausländischen Besuchern. Jede zweite korfiotische Familie lebt inzwischen zumindest zur Hälfte direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr. Fürs restliche Einkommen sorgen der Handel und die Olivenernte, die zwischen November und März stattfindet.

Wenn Sie Korfus Schönheit vollständig erleben wollen, reicht es nicht, im eigenen Badeort zu bleiben und vielleicht einen Tagesausflug im Luxusbus zu unternehmen. Sie sollten auch einige der 250 Dörfer auf eigene Faust besuchen: zu Fuß, per Mountainbike, Mietwagen, Moped oder Linienbus.
Korfus Binnendörfer sind meist in dichtes Grün gehüllt, und in den Orten, an Fassaden und in den Gassen entfaltet sich eine wahre Blütenpracht. Die meisten Korfioten lieben Blumen, auch wenn sie bei der Wahl des Blumentopfes nicht wählerisch sind - es können auch unansehnliche Ölkanister oder Plastikschalen sein.

Von Bausünden sind die meisten korfiotischen Binnendörfer verschont geblieben. Viele Häuser sind über hundert Jahre alt, viele haben noch schöne Portale aus venezianischer Zeit, reich verzierte Balkongitter, dekorativ gearbeitete Türen und Fenstersimse. Die Dächer sind meist noch mit alten Ziegeln gedeckt, die Gassen gepflastert.

Wenn Sie ein Dorf wirklich erleben wollen, sollten Sie es nicht gleich durchwandern. Viel besser ist es, zunächst einmal in einem Kaffeehaus oder sogar in einer Gemischtwarenhandlung mit Kaffeeausschank, einem kafépandopolíon, Platz zu nehmen.
Vom Kaffeehausstuhl können Sie zunächst den dörflichen Lebensrhythmus beobachten. Sie sehen Bauern und Bäuerinnen, die noch mit Esel oder Maultier auf ihr Feld oder in ihren Olivenhain ziehen, sehen Kinder in ihren Schuluniformen, erleben ambulante Fischverkäufer und durchreisende Roma, die unüberhörbar ihre Waren durch den krächzenden Lautsprecher auf ihrem Kleintransporter anpreisen. Sie hören alte Männer diskutieren, sehen sie Távli, Karten oder Dame spielen - und empfinden plötzlich die gleiche Muße, die Griechen so sehr schätzen. Nach einer halben Stunde sind Sie im Dorf schon etwas bekannt, sind kein gewöhnlicher Fremder mehr, der nur vorüberhuscht. Danach verläuft der Bummel durch den Ort ganz anders, Sie gehören schon ein wenig dazu.

Das schillerndste Juwel Korfus ist die Inselmetropole, die wie die ganze Insel auch Korfu oder - auf Griechisch - Kérkyra heißt. In dieser unbestritten schönsten Stadt Griechenlands lebt über ein Drittel der 112 000 Korfioten.
Im heutigen Stadtgebiet lag auch schon die antike Inselhauptstadt Kérkyra. Deswegen finden Reisende hier am ehesten archäologische Zeugnisse der Vergangenheit. Viel ist allerdings nicht mehr zu sehen. Weitaus zahlreicher sind Burgen, Kirchen und Klöstern aus dem Mittelalter und den ersten vier Jahrhunderten der Neuzeit.
Auf der übrigen Insel gibt kaum Kulturgüter anzuschauen. Die Landschaft, die Natur, Küsten und Dörfer, die Begegnungen mit den Korfioten faszinieren, nicht archäologische Stätten. Dass es davon auf Korfu so wenige gibt, hat zwei Gründe: Zum einen konnten bisher nur wenige Ausgrabungen stattfinden, weil die antiken Siedlungen heute mit Wohnhäusern überbaut sind, zum anderen war Korfu im antiken Griechenland seiner Randlage wegen nie von großer Bedeutung. Siedler aus Korinth gründeten das antike Kérkyra 734 v. Chr. auf der heute zu Korfu-Stadt gehörenden Halbinsel Análipsis. Seiner Nähe zu Italien wegen geriet es schon früh unter römischen Einfluss; bereits 229 v. Chr. unterwarfen sich die Kerkireer den Nachfahren von Romulus und Remus. Während der Jahrhunderte des Byzantinischen Kaiserreichs hatte Korfu keinerlei Bedeutung. Erst die Eroberung Konstantinopels durch Venezianer und Kreuzritter brachte Veränderung. Die Inseln im Ionischen Meer wurden zunächst unter ihren Eroberern aufgeteilt und gelangten zwischen 1386 und 1503 schließlich unter venezianische Herrschaft. Die neuen Herren nutzten sie vor allem als Quelle für Speiseöl und förderten darum den Olivenanbau nach Kräften. Den Venezianern haben es die Korfioten zu verdanken, dass sie nie unter türkische Herrschaft gerieten. Auf Korfu fehlt jeglicher türkischorientalische Einfluss. Auch das macht die Insel so anders: Nirgends stehen wie anderswo in Griechenland Moscheen. Der Volksmusik fehlt die orientalische Fremdheit der ägäischen Klänge, und auch in der Kunst sind die Ionischen Inseln, deren Hauptinsel Korfu heute noch ist, eigene Wege gegangen.
Allen eingefleischten Griechenlandfans mag Korfu ungewohnt lieblich erscheinen. Ins Klischee von weißen Kubushäusern und Kirchen mit roter oder blauer Kuppel passt Korfu nicht. Doch eine Reise nach Korfu ist unerlässlich, um das Bild Griechenlands zu vervollständigen. Für alle, die noch nie in Griechenland waren, ist es das ideale Ziel zum Eingewöhnen, weil es grüner, freundlicher, leichter zugänglich ist als das übrige Hellas. Korfu kommt eben noch heute eine Mittlerrolle zwischen Orient und Okzident zu.
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