



Wer mit dem Schiff von Spanien aus nach Marokko fährt, kann schon von Weitem die in der Sonne leuchtende Silhouette der Altstadt von Tanger sehen - ein Meer von weißen Häusern, malerisch dicht aneinander gebaut auf einem Felsenhügel, der schroff zum Meer abfällt. »Wer die weiße Stadt einmal gesehen hat«, erzählen die Bewohner von Tanger gern, »wird um sie weinen, wenn er wieder in der Ferne ist.« Was zuerst etwas pathetisch klingen mag, ist Teil des Mythos der Stadt Tanger, die vor der Unabhängigkeit Marokkos internationale Zone war: ein Treffpunkt der Schönen und Reichen, Schmuggler und Künstler, bekannt für kosmopolitischen Charme. Nur 14 km vom spanischen Festland entfernt, auf der anderen Seite der Meerenge von Gibraltar, ist es das »Tor zu Afrika«.
Unvergesslich werden Ihnen aber nicht nur die Stadt Tanger, sondern alle Eindrücke und Erlebnisse aus ganz Marokko bleiben. Dies ist ein Land, das sich durch seine geografische, historische und kulturelle Vielfalt von vielen anderen Regionen der Welt unterscheidet - ein einzigartiges Land.

Etwa 446 550 km² umfasst das Staatsgebiet Marokkos, das im Nordwesten des afrikanischen Kontinents liegt, eingebettet zwischen Atlantik und Mittelmeer, Algerien im Osten und die marokkanische Sahara im Süden. Zum Landschaftsbild gehören schneebedeckte Berge, einsame Wüstenlandschaften, weite, grüne Ebenen und kilometerlange Sandstrände. Im Winter kann man in Ifrane, einem idyllischen Wintersportort im Atlasgebirge, Ski fahren oder Ski wandern. An den 1835 km langen Küsten laden menschenleere Strände zum Faulenzen in der Sonne ein. Wer mehr Aktivität möchte, kann südlich von Agadir kleine, verträumte Städte wie Sidi Ifni finden, wo man das ganze Jahr über surft. Erstklassige Golfplätze gibt es in fast allen größeren Städten, wobei die in Marrakech und in Rabat Dar Essalam zu den besten der Welt zählen. Besonders beeindruckend sind Expeditionen in die westliche Sahara, die rund ein Drittel der Gesamtfläche Marokkos ausmacht. Für jene, die das Mittelmeer schätzen, empfiehlt sich eine Fahrt entlang der atemberaubend schönen Küste von Tanger über Al-Hoceima nach Melilla, neben Ceuta die zweite spanische Enklave auf marokkanischem Gebiet. Dort können Sie zollfrei einkaufen und auch den Wagen billig voll tanken.

Für historisch Interessierte haben die frühen Eroberer Marokkos, Phönizier und Römer, Spuren und Zeugnisse hinterlassen. In der Nähe des Badeorts Asilah an der Atlantikküste kann man die Ruinenstadt Lixus besichtigen, eine der zahlreichen Handelsniederlassungen, die die Phönizier auf ihren Feldzügen in Nordafrika gründeten. Der ehemalige römische Verwaltungssitz Volubilis bei Meknès ist eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten des Landes und zeugt, erstaunlich gut erhalten, von der einstigen Größe des römischen Imperiums.

Die frühe Geschichte Marokkos ist eine Geschichte ausländischer Eroberer, die die Kultur des Landes mannigfaltig prägten. Nach den Römern dringen die Vandalen aus Südspanien nach Nordafrika vor. Der germanische Stamm soll für die blondhaarigen und blauäugigen Marokkaner des Rifgebirges verantwortlich sein. Im 8. Jh. besetzen muslimische Araber das heutige Marokko. Sie bringen nicht nur die verspielte orientalische Architektur, die für die Städten Fès und Marrakech so typisch ist, sondern verbreiten auch den Islam. Er ist noch heute offizielle Staatsreligion und bestimmt das Alltagsleben. Fünf Mal am Tag ruft der Muezzin zum Gebet, alle religiösen Feiertage, an denen Alkohol drei Tage zuvor und drei Tage danach verboten ist, werden strikt eingehalten. Eindrucksvoll ist das Schaffest Eid El Kebir, der Tag, an dem jede Familie ein Schaf zu Ehren Allahs schlachtet. Schon Wochen vorher sind die Tiere etwa auf Hausdächern zu sehen. In dieser Zeit müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie bei einem Besuch bei marokkanischen Bekannten plötzlich auf ein blökendes Schaf in der Wohnung treffen. Wer es einrichten kann, sollte einige Tage des muslimischen Fastenmonats Ramadan nicht versäumen. Am Spätnachmittag gibt es Tag für Tag ein unvergleichliches Verkehrschaos, da jeder pünktlich zu Hause sein will. Bei Sonnenuntergang signalisieren Kanonenschüsse das Ende des Fastentags. Die Städte sind dann für ein, zwei Stunden völlig menschenleer. Aus den offenen Fenstern ist das Geklapper von Geschirr und Besteck bis auf die Straße zu hören.

Nach dem Zusammenbruch des arabischen Großreichs um 1400 wird Marokko ein Spielball europäischer Mächte. Nach den Portugiesen sind es vor allen Dingen Spanien und Frankreich, die sich die Politik des Maghreb (bedeutet auf Arabisch Westen) bestimmen. Aufstände der Berber, die die eigentlichen Ureinwohner Marokkos sind, werden brutal niedergeschlagen. Man teilt Marokko in ein spanisches und französisches Protektorat. Die Spanier bekommen den Norden und eine kleine Provinz im Süden, die Franzosen erhalten den großen Rest. Erst 1956, nach blutigen Unruhen gegen die Kolonialmächte, erhält Marokko seine Unabhängigkeit.
Viele Gründe zu einer Idealisierung Marokkos gibt es nicht. Dazu ist die wirtschaftliche und soziale Lage des Landes zu schlecht. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei nur 1600 Euro im Jahr. Knapp 50 Prozent der 32 Mio. Einwohner sind Analphabeten. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 13 Prozent, in der Realität dürfte sie jedoch das Doppelte betragen. Seit dem Amtsantritt König Mohammeds VI., der nach dem Tod seines Vaters Hassan II. 1999 den Thron bestieg, gab es einige Reformen zur Demokratisierung und Modernisierung des Landes. Der junge Monarch dezentralisierte die Verwaltung, förderte die Gründung von Unternehmen und erleichterte Investitionen. Einen herben Rückschritt für die groß angelegte Liberalisierung bedeutete das Attentat islamischer Fanatiker im Mai 2003 in Casablanca, bei dem 44 Menschen starben und über 100 zum Teil schwer verletzt wurden. Aus Angst vor islamischen Ideologien werden Zeitungen und Magazine wieder auf ihren Inhalt geprüft: eine Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit, für die Mohammed VI. bei seinem Amtsantritt so vehement eintrat. Trotzdem ist der junge Monarch, der sich gern mit Sonnenbrille, Lederjacke und einer Zigarette im Mund fotografieren lässt, für die Mehrzahl der Marokkaner der neue Hoffnungsträger einer besseren Zukunft. Insbesondere für junge Menschen, die die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachen und vielfach, trotz Universitätsabschluss, arbeitslos sind. Das Engagement Mohammeds VI., gerade für die sozial Benachteiligten des Landes, zeigt ihnen, dass es endlich einen König gibt, der tatsächlich an Fortschritt interessiert ist. Einem Fortschritt, der auch die Jugend mit einschließt.

Noch heute ist der Einfluss der ehemaligen Protektoratsmächte spürbar: Im nördlichen Marokko ist Spanisch, neben der offiziellen Amtssprache Arabisch, die erste Fremdsprache. Im Süden ist es dagegen Französisch. In den Bäckereien verkauft man französische Baguettes, in den Restaurants stehen Salade Niçoise, Escalope oder Paella auf der Speisekarte. Wie in Spanien sind die meisten Geschäfte am Nachmittag geschlossen. Die Siesta gehört normalerweise nach einem späten Mittagessen zum festen Bestandteil des marokkanischen Tagesablaufs. Zusammen mit der arabischen Lebenseinstellung, die dem Augenblick mehr Gewicht verleiht als einer Zukunft, die unergründlich in Gottes Hand liegt, ergibt sich eine sympathische Mischung aus mediterranem und orientalischem Lebensstil. Es ist gerade diese Art von Laissez-faire, aber auch eine großzügige Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber Fremden, die Marokko für viele stressgeplagte Europäer so anziehend macht.

Ein Abend im Fastenmonat Ramadan: Familienväter und Yuppies drängeln durch die schmalen, von Läden gesäumten Gassen der Medina von Tunis; verschleierte Frauen spazieren Arm in Arm mit Mädchen in Hüfthosen an den glitzernden Auslagen der Boutiquen entlang; ehrwürdige, in die traditionelle Djellaba gewandete Herren diskutieren heftig gestikulierend mit jugendlichen Baseballmützenträgern über die Fußballergebnisse. In den Cafés versammeln sich junge Paare um die Wasserpfeifen, Loungesounds wabern durch die Souks, vermengt mit zarten Tönen einer arabischen Laute aus einem maurischen Palast. Ein paar Schritte weiter hallen dumpfe Trommeln. Die religiösen Gesänge einer Sufibruderschaft klingen an den Mauern wider und machen dem arabischen Rap aus den Lautsprechern der CD-Läden Konkurrenz. Tradition und Moderne - in Tunesien sind das keine Gegensätze, sondern zwei sich ergänzende Aspekte des Alltags.

Mit 163 610 km² ist Tunesien knapp halb so groß wie Deutschland und landschaftlich überaus abwechslungsreich: Die nördliche Korallenküste zwischen Bizerte und der Grenze zum Nachbarland Algerien zeigt sich mit schroffem, zackigem Fels, verschwiegenen Sandbuchten und dichten Eichenwäldern um das Fischerstädtchen Tabarka heiter-mediterran. Roms Landjunker liebten diesen fruchtbaren Teil Tunesiens; ihre Villen, Landgüter und Tempel sind heute imposante Ruinenstätten mit herrlichen Mosaiken, in denen die damalige Welt abgebildet ist.

Endlose Sandstrände und bis an den Horizont Reihen akkurat gepflanzter Olivenbäume bestimmen das Bild der Ostküste. Sahel - das Ufer - nannten die arabischen Eroberer die Landschaften südlich des Seebads Hammamet, die sich bis Sfax erstrecken. Befestigte, wehrhafte Hafenstädte wie Sousse, Monastir und Mahdia waren Handelsplätze für das wertvolle Olivenöl. Wie reich die kleine grüne Frucht bereits die Römer machte, beweist das monumentale Amphitheater von El-Djem. Heute sind hier nicht mehr die Oliven, sondern der Tourismus der Hauptwohlstandsbringer: An den Sandstränden rund um Hammamet, zwischen Port el-Kantaoui und Monastir und bei Mahdia erfüllen phantasievoll-orientalische Hotels ihren Gästen alle Urlaubsträume.

Im Norden und Osten von Fruchtbarkeit eingerahmt, ist die zentraltunesische Steppe auf den ersten Blick ein Aschenputtel unter den tunesischen Landstrichen. Der Gebirgszug der Dorsale, ein Ausläufer des Atlasgebirges, begrenzt sie nach Norden, und im Süden brandet die versengende Hitze der Sahara gegen das magere Steppengras an. Ausgerechnet hier in der Einöde gründeten die vom Islam beseelten und zur Eroberung Nordafrikas westwärts drängenden Araber im 7. Jh. Kairouan, die heilige Stadt. Der ehrwürdige Ort mit seinen vielen religiösen Monumenten und der lebhaften Medina ist, verglichen mit den ärmlichen Nachbarsiedlungen, ein strahlender Stern. Nord- und Osttunesien haben ihre Erträge aus Landwirtschaft und Tourismus, Zentraltunesien hingegen ist ein wirtschaftliches Sorgenkind geblieben: Die Industrie beschränkt sich auf die Verarbeitung von Halfagras zu Zellulose, und in Manufakturen werden Teppiche geknüpft.
Südlich von Sfax machen sich die Vorboten der Wüste bemerkbar, in der großen Palmenoase von Gabès sind sie schon zum Greifen nahe. Doch bevor der Grand Sud, der Große Süden, beginnt, weckt und erfüllt Djerba die schönsten Urlaubsträume. Ein Eiland ohne Wasser, bewohnt von strenggläubigen Ibaditen - das soll Homers lustvolle Lotophageninsel gewesen sein, die Heimstatt der berauschten Lotosesser? Nun, Millionen von Feriengästen geben dem alten Dichter Recht und vergessen auf der Insel ihren Alltag - für ein paar Tage zumindest.

Die Sahara bedeckt rund ein Drittel Tunesiens. Als Bilderbuchwüste mit sinnlich gewölbten Dünenketten stemmt sie sich beharrlich gegen die Barrieren der Oasenstadt Douz, die zu den beliebtesten Touristenzielen Südtunesiens zählt. Doch zeigt sich die Sahara auch anders: Im Süden trotzen die Menschen der Hitze und Trockenheit des Dahargebirges zwischen Matmata und Tataouine in bizarren Trichterhäusern, in Höhlendörfern und mächtigen Speicherburgen. Im Westen füllen Salzseen eine riesige Senke. Die Älteren kennen die Gefahren auf dem Chott el-Djerid aus Karl Mays erstaunlich präzisen Schilderungen; die Jugend weiß, dass Anakin Skywalker und andere Helden des Weltraumepos »Star Wars« hier von einem Abenteuer ins nächste purzelten. Tourismus und Filmgeschäft haben Tozeurs traditionellen Erwerbszweig, die Oasenwirtschaft, etwas an den Rand gedrängt. Dennoch: Hier wachsen noch immer die besten Datteln der Welt, Deglet en-Nour, die »Finger des Lichts«.

Tunesien hat etwa 10 Mio. Einwohner. Von ihnen zählen noch rund 1 Prozent zur Volksgruppe der Berber, die das Land vor Ankunft der Araber besiedelte. Die Jahrhunderte des Zusammenlebens haben die Unterschiede zwischen Berbern und Arabern weit gehend verwischt. Fragen Sie einen tunesischen Bekannten, zu welchem Volk er gehöre - er sei Tunesier, wird er antworten. Tunesier sind polyglott und aufgeschlossen, ihre Sprachkenntnisse sind phänomenal. Neben dem Arabischen und dem Französischen, den beiden Landessprachen, beherrschen viele Spanisch, Italienisch, Deutsch und sogar Russisch. Die Menschen wurzeln in der nordafrikanischen und nahöstlichen, aber auch in der europäischen Kultur, denn schließlich gaben sich Phönizier, Berber, Griechen, Römer, Vandalen, Byzantiner, Araber, Spanier, Türken und Franzosen die Klinke in die Hand. Dass Tunesien außenpolitisch meist den Weg zwischen den Blöcken sucht und gern als Mittler auftritt, ist sicherlich die Folge seiner bewegten Geschichte.
Die nahezu bedingungslose Unterwerfung unter die Anforderungen der Tourismusindustrie ist vielleicht die einzige Schattenseite in dem von der Sonne so großzügig bedachten Land. Immer neue Küstenstriche wandeln sich zu Hotelzonen und Yachthäfen, und mit jeder neuen touristischen Zone geht ein Stück Natur verloren, wachsen die Müllberge, verschärfen sich die Probleme mit der Wasserversorgung. Dramatisch sind auch die Veränderungen in den Köpfen vieler, die von den Fremden leben. Gelegentlich tritt Zudringlichkeit an die Stelle traditioneller Zurückhaltung, und unsaubere Geschäftspraktiken ersetzen den herkömmlichen Respekt gegenüber den Gästen. Auch die Achtung vor Frauen scheinen manche der jungen Tunesier in den Hotelzonen vergessen zu haben.
Tunesien ist ein islamisches Land, in dem die Verfassung die Polygamie verbietet und die Gleichberechtigung der Frau garantiert. Es ist wirtschaftlich abhängig von den Touristen, denen es dennoch seine wertvollsten Baudenkmäler, die Moscheen, verschließt. Es ist ein Agrarland, dessen Kinder, Mädchen wie Jungen, zu fast 100 Prozent eine Schule besuchen. Manch einem erscheint dieses fortschrittliche Tunesien so gar nicht wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht! Das ist es auch nicht - es ist der Teil der islamisch-arabischen Welt, der nicht im Dornröschenschlaf verharren will, sondern zielstrebig seinen Weg in die Moderne sucht, ohne dabei sein Erbe zu verleugnen. Eben dies macht die Faszination dieser so alten und zugleich dynamisch-jungen Nation aus. Wenn Sie Tunesien mit offenen Augen bereisen, werden Sie beides finden: den orientalischen Traum und die aufregende Moderne, die mauerbewehrte Medina und innovative Architektur, den Traumstrand und das Abenteuer Sahara, den ehrwürdigen Scheich und die selbstbewusste Managerin - viele verschiedene Mosaiksteine, die zusammengesetzt das Bild eines wunderschönen, erstaunlichen und sehr gastfreundlichen Landes ergeben.
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