



Cantinas und Haciendas, glitzernde Meeresbuchten und endlos breite Sandstrände, mondäne Badeorte und Hängemattentreffs für Teilzeithippies, stuckverzierte Paläste und Barock in höchster Vollendung, siebenstöckige Pyramiden mit einem Jaguarthron, mitreißende Folklore und indianisches Erbe: Nicht ohne Grund ist Mexiko eines der beliebtesten Fernreiseziele überhaupt.
Trotzdem stellt sich jedoch zu keiner Zeit und an keinem Ort das Gefühl ein, dass das Land touristisch überlaufen sei. Natürlich reiht sich in Acapulco ein internationales Hochhaus-Strandhotel an das andere, rollt an der Karibikküste bei Cancún die Urlaubsmaschinerie auf Hochtouren. Wer hierher fährt, genießt das Gefühl, mittendrin zu sein im Trubel, und will von den ungezählten Diskotheken, Restaurants und Sportclubs profitieren.

Freilich gibt es in einem Land, das so riesengroß ist wie Mexiko, noch unzählige kleine und verschwiegene Badebuchten - die Alternativen sind zahlreich; immerhin hat Mexiko an der Karibischen See und am Pazifik mehr als 11 000 km Küstenlinie zu bieten. Während die pazifische Westküste in erster Linie für einen reinen Badeurlaub geeignet ist, da es dort keine bedeutsamen prähistorischen Stätten gibt, können auf der Halbinsel Yucatán im Süden klassische Mayakultur und karibisches Strandleben auf das Beste miteinander verbunden werden.
Weitgehend unentdeckt ist die 1300 km lange und im Durchschnitt nur 90 km breite Halbinsel Baja California, eine Verlängerung Kaliforniens, die im äußersten Norden vom mexikanischen Festland abzweigt und in den Pazifik hineinragt. Glasklares Wasser, versteckte Sandbuchten und raue Felsklippen - die Landschaft ist von grandioser Erhabenheit. Außerhalb der wenigen Hotelanlagen tun sich wüstenartige Landstriche auf. In den zerklüfteten Schluchten der Sierras und auf den unbefestigten Schotterstraßen im Landesinneren fühlt man sich jenseits aller Zivilisation.

Die altmexikanische Vergangenheit des Landes ist es, die viele Besucher anzieht. 55 000 archäologische Stätten, 1000 bis 2000 Jahre alt, hat man entdeckt, 180 davon dem Dschungel entrissen, restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Gefährdete Pyramiden und Tempel werden weiter restauriert. Immer wieder werden zu diesem Zweck einzelne Bauwerke zeitweilig gesperrt und können dann nicht besichtigt werden. Im yucatekischen Cobá wandelt man auf freigelegten Urwaldstraßen zu einer malerisch um Seen gruppierten Zeremonialstätte der Maya, in Tulum hat man von den auf einer Klippe gelegenen Tempeln einen atemraubenden Blick aufs Karibische Meer. Hoch über den Wolken liegt Monte Albán; um einen Platz für die Götter zu schaffen, trugen die Erbauer mühevoll die Kuppe eines Berges ab. In Chichén Itzá offenbart sich zur Tagundnachtgleiche ein ungewöhnliches Schauspiel: Durch den Schattenwurf der Sonne entsteht der Eindruck einer sich langsam die Pyramide herabwindenden Schlange.

Wer zum ersten Mal nach Mexiko reist, wird seinen Aufenthalt sorgfältig planen. So ist es nicht ratsam, während weniger Wochen das ganze Land bereisen zu wollen, weil man all die unterschiedlichen Landschaften, Bevölkerungsgruppen und Kulturkreise kennen lernen möchte. Mexiko ist eben von ungeheurer Vielfalt und Ausdehnung - knapp sechsmal so groß wie Deutschland mit einer Fläche von fast 2 Mio. km² und einer Nord-Süd-Ausdehnung von mehr als 3000 km: Also ergibt sich für jeden Gelegenheit, auf einer Reise sein eigenes Mexiko zu entdecken.
Zum Beispiel Mexiko-Stadt, die chaotische, erdbebengefährdete und übervölkerte 25-Mio.-Metropole voller Smog und hupender Autos, die Stadt, von der die Mexikaner sagen, sie sei die mexikanischste aller Städte: Manche entdecken eine kosmopolitisch-kulturelle Großstadt der Paläste, Museen und Theater, andere schätzen in erster Linie die zahlreichen Feinschmeckerrestaurants und die luxuriösen, zu Hotels umgewandelten Haciendas, auf denen man sich in vergangene Zeiten zurückversetzt fühlt. Andere wiederum lieben das bunte, das folkloristische Mexiko der Straßenhändler, Garküchenbetreiber, der Gaukler im Alameda-Park, der Mariachi-Kapellen auf der Plaza Garibaldi.

Mexiko-Stadt bietet einen Querschnitt durch nahezu alle Bevölkerungsgruppen. Kleine Jungen springen auf die verkehrsüberlasteten Avenidas, um an den Ampeln ihre Zauberkunststücke und akrobatischen Nummern vorzuführen, Fenster zu putzen oder Lose zu verkaufen. Die Pesos, die sie von den Autofahrern erhalten, sind ein wichtiger Beitrag zur Unterstützung ihrer Familie. Vor der Kathedrale am Zócalo stellen sich jeden Morgen arbeitslose Handwerker auf und hoffen auf einen Job - für einen Tag oder nur ein paar Stunden. Auf Knien rutschen gläubige Katholiken jeden Sonntag zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe. Die meistverehrte Heilige des Landes ist braunhäutig; zumindest an ihrer Wallfahrtsstätte kennen Mestizen und Indios keine Rassenunterschiede. Attraktive Mexikanerinnen der Oberschicht stöckeln auf hohen Pumps durch die Zona Rosa und betrachten die in den exklusiven Boutiquen ausgestellte Designermode. Schuhputzer hoffen, von den wohlhabenden Restaurantbesuchern, Einheimischen wie Touristen, wenigstens ein paar Pesos für ihre Dienstleistung zu bekommen.
Um einen Eindruck von der landschaftlichen Vielfalt Mexikos zu erhalten, begibt man sich am besten auf Reisen. Das öffentliche Verkehrssystem funktioniert prächtig, Überlandbusse verbinden auch weit voneinander entfernt liegende Städte im Direktverkehr miteinander. Ein gemächlicheres Tempo schlägt die Eisenbahn an, und für Eilige empfehlen sich die vielen innermexikanischen Fluggesellschaften. Für die Verpflegung ist bestens gesorgt: Mexikanische Hausfrauen verkaufen an den Bushaltestellen mit Hühnerfleisch gefüllte tacos, »muy picante, señor!«, Kokosnusskuchen, natürlich selbst gebacken, und Orangen. Kinder bieten Coca-Cola an. Die wird dann in eine Plastiktüte gegossen, und dazu reichen sie einen Strohhalm. Nirgendwo erhält der Fremde einen besseren Einblick in die mexikanische Gesellschaft als auf diesen Reisen quer durch das Land.

Im Norden beherrschen Kaktussteppen und Dornbuschsträucher die Vegetation, den Süden prägen tropische Regenwälder und undurchdringlicher Dschungel. Die Sierra Madre Occidental und die Sierra Madre Oriental durchlaufen das Land in Nord-Süd-Richtung. Hier finden sich herrliche Eichen- und Kiefernwälder zwischen wildzerklüfteten Cañons. An der Kupferschlucht (Barranca del Cobre) lässt sich sogar wenige Meter vom Abgrund übernachten. Es ist dies noch immer die Heimat von Pumas, Bären und Wölfen. Nur wenige Menschen leben hier. Die Tarahumaraindianer sind wohl die einzigen Siedler, die in dieser rauen Gegend existieren können.

Schneebedeckte Vulkane trifft man im zentralen Hochland. Ausgerechnet im Bereich der Sierra Volcánica Transversal, des vulkanischen Gebirges, befindet sich das Hauptsiedlungsgebiet der Mexikaner. Dass die Erde jederzeit beben kann - hier trägt man es mit Gelassenheit. Nirgendwo im ganzen Land trifft der Besucher eine solche Anhäufung von kolonialen Städten wie im zentralen Hochland. In einem Radius von nur wenigen 100 km um Mexiko-Stadt fand die Prachtentfaltung kolonialer Städtearchitektur ihren Höhepunkt. Um eine zentrale plaza gruppieren sich die Kirche und die wichtigsten öffentlichen Gebäude wie Verwaltung und Krankenhaus. Kopfsteingepflasterte Straßen verlaufen im Schachbrettmuster. Sie werden gesäumt von ein- bis zweistöckigen Häusern mit Flachdach, wuchtiger Holztür und schmiedeeisernen Gittern vor den Fenstern. Erst im Inneren der so unscheinbar aussehenden Häuser wird der Wohlstand des Besitzers sichtbar. Eine Oase der Ruhe eröffnet sich im Patio. Im Zentrum dieses arkadengeschmückten Innenhofes plätschert ein Springbrunnen, verziert mit kunstvollen Steinmetzarbeiten. Blumen verströmen ihren Duft, Bäume spenden Schatten. Da die Mexikaner einige der größten und schönsten dieser kolonialen Häuser in Hotels umgewandelt haben, erschließt sich auch dem Reisenden ihre eindringliche Atmosphäre.
Prunkvoll statteten die kolonialen Eroberer auch die Kirchen aus. Bei einer in Mexiko sehr verbreiteten Spielart des Barocks, dem Churriguerastil, verwendeten die Künstler eine überreiche Ornamentik. Engelchen, Heiligenfiguren, Blätter und Blüten, ja sogar Figuren aus der indianischen Mythologie wurden über und über mit Blattgold verziert. Die auf der »Route der Unabhängigkeit« liegenden Städte Guanajuato, San Miguel de Allende und Querétaro sind nicht nur Musterbeispiele kolonialer Prachtentfaltung, sondern überdies die Schauplätze der Kämpfe um die Unabhängigkeit des Landes. In ehemaligen Regierungspalästen untergebrachte Museen dokumentieren den langen und blutigen Weg zur Freiheit.

Mexikos so übermächtiger Nachbar, die Vereinigten Staaten von Amerika, prägt das Bild im Norden des Landes, insbesondere in den Grenzstädten. Vielerorts ist hier der American Way of Life eingezogen. Die Straßen sind breiter, die Geschäftsnamen amerikanisiert, überall werden Hamburger und Chips verkauft, und die jungen Männer nennen sich nicht mehr Carlos, sondern Charlie. Ohnehin arbeiten viele in den an der Grenze etablierten amerikanischen und multinationalen Firmen. Tijuana, gegenüber dem US-amerikanischen San Diego gelegen, die Stadt mit den höchsten Besucherzahlen, ist vollständig auf den Grenztourismus eingestellt. Als Vergnügungsmetropole offeriert sie hauptsächlich Spielhöllen, Kneipen, Restaurants mit tex-mex-food und Souvenirläden. Trotz der Ausrichtung am amerikanischen Lebensstil haben Mexikaner häufig ein gespanntes Verhältnis zu den gringos, wie sie die Amerikaner titulieren. Meist ist es besser, in Spanisch zu radebrechen, als eine Bitte in flüssigem Englisch vorzutragen.
Die schönsten Charakterstudien der mexikanischen Volksseele stammen von Octavio Paz, dem mexikanischen Literaturnobelpreisträger. In seiner Essaysammlung »Das Labyrinth der Einsamkeit« stellt Paz die Unterschiede zwischen den Mexikanern und ihren übermächtigen Nachbarn im Norden dar.
Mexiko ist das Land dreier Kulturen. In Tlatelolco (Mexiko-Stadt), auf der Plaza de las Tres Culturas, präsentieren sich die Zeugen der wesentlichen Epochen der mexikanischen Geschichte: die Überreste einer präkolumbischen Tempelanlage, eine von den Spaniern im 16. Jh. errichtete Kirche sowie moderne Hochhäuser, darunter das heutige Außenministerium. Auf einer Tafel steht geschrieben: »Am 13. August 1521 eroberte Hernán Cortés das von Cuauhtémoc heldenhaft verteidigte Tlatelolco. Es war dies weder ein Sieg noch eine Niederlage, sondern die schmerzhafte Geburtsstunde Mexikos und seines mestizischen Volkes.« In der Kirche La Concepción an der Plaza de la Concepción Tequipeucan wiederum verkündet eine Inschrift: »Tequipeuhcan - der Platz, an dem die Sklaverei begann. Hier wurde Kaiser Cuauhtémoc am Nachmittag des 13. August 1521 gefangen genommen.«
Beginn der Sklaverei oder Geburtsstunde des mexikanischen Volkes? Aus dem Aufeinanderprall grundverschiedener Kulturen und Völker entstand über Jahrhunderte die Mestizengesellschaft des heutigen Mexiko.
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