




Der Aufzug stürzt hinab in den Schacht. Lichter zucken, aus den Lautsprechern zischt und heult es, ein paar Gäste drücken sich verängstigt gegen die Wände. Mit einem kräftigen Ruck stoppt der Lift in Galerie 8. »Alles raus!« ruft Ángel, lacht über die Wirkung der Special Effects und setzt hinzu: »Willkommen im Stollen, 600 m tief, alles simuliert!« Ángel ist Kumpel in der örtlichen Kohlezeche und führt an freien Tagen Besucher durch das Minenmuseum im asturischen El Entrego.


Der im Herzen Asturiens gelegene Museumsstollen von El Entrego zeigt, welch breit gefächerte neue Wege Spanien im Tourismus beschreitet. Selbst aus industriellem Gepräge versteht das Land Kapital zu schlagen und Besucher damit in Bann zu ziehen. Trotz ungebremster Zugkraft all der goldgelben Strände und einer mehrere Tausend Kilometer langen Küste ist sich das gut 500 000 km² große España in den letzten Jahren mehr und mehr seines ungemein facettenreichen Binnenlands bewusst geworden.

Nach dem Motto »Spanien neu entdecken« driften Einheimische und Auswärtige vom puren Badeaufenthalt immer öfter in sattgrüne Täler und Berge ab. Statt Kokosöl- und Sangriaschwaden des Strandliegennachbarn atmet man den würzigen Duft von Gebirgskräutern ein, genießt die ländliche Ruhe und Idylle, durchwandert Kiefern- und Korkeichenwälder, beobachtet Adler und Geier. Ob in Andalusien, Galicien oder Navarra: Zurück zur Natur ist absolut trendy, was wiederum Übernachtungsangebote aus dem Boden hat schießen lassen. Landhotels verzeichnen Rekordzuläufe, alte Dorfhäuser und Gehöfte werden zu rustikalen Unterkünften umgebaut. Auch Reiterferien auf dem Land sind in, Thermalhotels schwimmen auf dem Hoch der Wellnesswelle. Darüber hinaus boomt der Abenteuertourismus mit Höhlentrips und Canyoning und sorgt für Pioniergefühle, da die Spots noch nicht abgegriffen sind wie andernorts. In die Reihe spanischer Neu- und Wiederentdeckungen gehört das große Erlebnis des Mittelalters: eine Tour auf dem Jakobsweg, dem Camino de Santiago, zum Grab des Apostels Jakobus im galicischen Santiago de Compostela. Von den Pyrenäenpässen Ibañeta und Somport zieht sich der Weg rund 800 km weit gen Westen, von Klöstern, Kirchen und Burgen gesäumt. Zu den Highlights am Weg zählen die gotischen Kathedralen von Burgos und León, Pilgerherbergen bieten Wanderern und Radlern Unterkunft.

Über 50 Mio. Besucher pro Jahr können sich nicht irren, finden Tausende von Zielen und Hunderte von Gründen für eine Reise nach Spanien - und kommen mit Begeisterung wieder. España steht für einen faszinierenden Kultur- und Landschaftsmix, für wilde Fiestas und ein lockeres Leben mit ausschweifender Ausgeh- und Tapatradition. Stress ist für viele ein Fremdwort, nirgendwo kommt die Pflege des Magens zu kurz. Man nimmt sich ausgiebig Zeit für leibliche Genüsse, Gourmettrips und vino inklusive. In der Rioja und im Duerogebiet reifen vorzügliche rote Spitzenweine, Galicien ist für seine weißen Albariños bekannt und das andalusische Jerez de la Frontera für seine Sherrys und Brandys. Spaniens Zutaten stimmen - nicht nur beim Trinken und Essen. In den südlichen Gefilden des Landes schlagen über 300 Sonnentage pro Jahr zu Buche. Grund genug für viele, ihrer verregneten mitteleuropäischen Heimat für immer den Rücken zu kehren und als residentes eine andere Lebensqualität zu genießen. Allerdings sind die Zeiten des Billiglands Spanien passé.

An den Mittelmeerküsten gilt nach wie vor: Wer Fun will, bekommt Fun. Torremolinos, Benidorm und Lloret del Mar zählen zu den unverwüstlichen Klassikern und bersten vor Musicbars, Diskos und sommerlichem Highlife. Wer hierhin reist, weiß, was er will. Gleiches gilt für jene, die Citytrips nach Madrid und Barcelona planen. Die Metropolen buhlen in gesunder Konkurrenz um die Gunst der Besucher, jede begeistert durch ihre eigene, unverwechselbare Art: Madrid mit dem lockeren Open-Air-Ambiente um die Plaza Mayor und musealer Hochkultur wie dem Prado, Barcelona mit einem Bummel über die Rambles und der bislang unvollendeten Sagrada Família des katalanischen Meisterarchitekten Antoni Gaudí. Die gigantische Sühnekirche zählt ebenso zum Welterbe der Unesco wie eine Reihe bekannter und weniger bekannter Stätten, die sich kreuz und quer über das Land verteilen und eigene Reisen wert sind: das Römerareal in Mérida, die Altstädte von Cáceres und Toledo, Asturiens präromanische Kirchen, Segovia mit seinem Aquädukt und das zerklüftete Goldminengebiet Las Médulas. Im sonnendurchfluteten Süden geht Kunst- und Kulturliebhabern ohnehin das Herz auf, als Magnet lockt Andalusiens maurisches Erbe. In Granada, Córdoba und Sevilla berauscht man sich an einem märchenhaften Flair aus Tausendundeiner Nacht. Zwischen 711 und 1492 waren die orientalischen Fremdlinge auf der Iberischen Halbinsel präsent - und in jener Zeit wesentlich weiter entwickelt als die Spanier. Auch die stark bewehrten Burgen von Almería und Jaén gehen auf die Mauren zurück, im beeindruckenden Ronda stößt man zu altarabischen Bädern vor und betritt inmitten des Kastells von Jerez de la Frontera die Reste einer Moschee.

Die Qualität von Stränden und Meer ist landesweit - von unrühmlichen Ausnahmen abgesehen - oft gut bis exzellent und wird von der europäischen Umweltstiftung alljährlich mit Hunderten von Blauen Flaggen ausgezeichnet. In diesen Genuss kommen vor allem viele Strände des Atlantiks, der eine steigende Zahl von Besuchern begeistert. Statt sommerlich überfüllter »Badewanne Mittelmeer« geben manche den kühleren Temperaturen und dem raueren Umfeld des Nordens den Vorzug. Mit dem Vorteil, im küstennahen Hinterland in die wildromantischen Hochgebirgswelten der Picos de Europa oder in die Pyrenäen und Schutzgebiete wie den Parque Nacional de Ordesa y Monte Perdido und den Parque Nacional Aigüestortes abtauchen zu können. Kulturelle Alternative: das Guggenheim-Museum in Bilbao mit seiner silbrig schimmernden Hülle aus Titan.

Kontraste über Kontraste, Berge über Berge. Nicht nur im hohen Norden werfen sich imposante Gebirgsbuckel auf. Mit einer Durchschnittshöhe von 650 m nimmt Spanien europaweit Platz zwei hinter der Schweiz ein. Im Zentrum breitet sich die Hochebene aus, die Meseta, im Norden Andalusiens wellen sich Olivenbaumhaine über die Hänge, weiter südlich kratzt die Sierra Nevada mit 3478 m an den Wolken. Im Winter setzt die Sierra weithin sichtbare Schneekränze auf und lockt von Dezember bis Februar Skisportfreunde an. Gen Osten gleiten die Berge ins Meer ab und gehen bei Almería in ein rotbraunes Halbwüstenszenario mit spärlichem Büschelbewuchs und Kakteen über - eine ideale Westernkulisse, durch die schon Leinwandstars wie Burt Lancaster und Clint Eastwood geprescht sind.
Spanien liege da wie ein Kontinent, der an Europa hängt und Europa nicht ist, hat der niederländische Romancier Cees Nooteboom einmal gesagt. Seit wenigen Jahren verzeichnet das Land einen riesigen Wirtschaftsboom und gehört währungspolitisch zur Eurofamilie - doch immer noch liegen Welten zwischen Spanien und Zentraleuropa. Nicht nur mit Blick auf das soziale System, das an allen Fronten leidlich hinterherhinkt. In den Arenen befördert man unverändert Stiere ins Jenseits, tritt zu wilden Tomaten- und Weinschlachten an, schützt die Siesta wie eine heilige Kuh und hält an der Zauberformel des ewigen mañana fest. Traditionen, kultiviertes Chaos, ein Schuss Exotik: All dies gibt dem Land seine besondere Note.
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